Materialsportler…

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Es trug sich zu, im Jahre des Herren, anno MMVII, als es telefonisch anschellte. Am anderen Ende des Fernsprechers vernahm ich eine Stimme mit der Frage:

„Hast Du morgen Zeit? Du müßtest mal mein Studio aufmachen, erklären und beim Shooting unterstützen. Geld spielt keine Rolle.“

Da man sich rückwirkend immer am besten an die letzte Information erinnert, war der Teil davor egal. Schließlich bin ich das, was man im Wilden Westen „Hired Gun“ genannt hatte.

Geld spielt keine Rolle. O.k., du hast mich!

Doch fangen wir mal vorne an. So kam es, dass ich seinerzeit regelmäßig unregelmäßig an einem sogenannten Foto-Stammtisch teilnahm. Dieser rekrutierte sich aus der Fotocommunity und ist heute wahrscheinlich immer noch tätig. Damals – also in der Zeit von 2006 bis 2012 traf sich da eine recht heterogene Truppe mit Fotografen allen Geschlechtes und Ambitionen. Vornehmlich der klassische Blümchenknipser, aber auch Makro-Fetischisten und Streetlife-Fotografen. Die Riege der Porträtfotografen mit dem SEK „AKTFOTOGRAFIE“ war eher unterrepräsentiert. Die zwei Modelle, die dort geldmäßig auftauchten waren schnell auf allen Bildern zu finden.

Nun war es so, dass die dortigen Kamerabesitzer sich größtenteils über Schwanz….äh…..Objektivgröße identifizierten bzw. über den Anschaffungswert und man als Enfant terrible galt, benutzte man ein Objektiv für alles. In weiten Teilen waren es echte Materialsportler. Ein halbwegs gefälliges Foto wäre geliefert, aber wichtig war zu erwähnen, dass die neueste Kamera mit dem besten Sensor dazu verwendet wurde. und der Katalog für die zukünftigen Anschaffungen war wichtiger als die Ergebnisse am Ende des Monats.

Geld spielte keine Rolle. Vom ortsansässigen Automobilklöppler fürstlich entlohnt und durch Amigo-Kontakte in entsprechende Firmenpositionen gehievt, prangte der Kamerafuhrpark mit fast an den sechsstelligen Bereich herangehende Quittungen. Die Frage, wofür man das alles bräuchte, blieb allzu oft gänzlich ignoriert.

Und weil ja nicht nur, Equipment zählt, sondern auch noch das Umfeld, gönnten sich die Midlife-Crisis-Fast-Großväter – Geld spielt ja keine Rolle – ihr eigenes Fotostudio. Studios in denen völlig am Ergebnis vorbeiführende Blitzworkshops abgehalten wurden. Mit einer Schaufensterpuppe und einem Setting, dass selbst Thor neidisch gemacht hätte, bei dem ganzen Lichtgeballere.

Einige lokale Aktmodelle hatten es schnell raus, dass die Foto-Sugar-Daddies gerne und viel ausgaben und so entstand eine von der Grundidee her nicht umkreative Clique, denen es eher um den Schein ging. Den Mädels um den, den sie am Ende des Tages im Portemonnaie hatte, den „Daddies“ um den, den die Erzählung über dortige Shootings hinterlassen sollten.

Insgesamt eine schrullige Sache, aber unterm Strich störte es nicht wirklich. Do wurde ich das eine oder andere Mal dazu gebeten, um einem bezahlendem ……interessierten Publikum, das eine oder andere Rippchen zu geben, wie die Aktfotos nicht gleich nach Seite 3 der St.Pauli-Nachrichten aussieht. Den jungen Damen war es erstaunlich egal, aber froh waren sie dennoch, wenn ein Tag Arbeit wenigstens eine Handvoll Bilder hervorbrachte, die man ohne Push-Alarm in den entsprechenden Communities hochladen konnte.

Und so rief mich einer dieser Studiobesitzer.an, um ihm aus dem Luxusproblem zu helfen.

Kleine Zwischenbemerkung an dieser Stelle: Studio meint in dem Fall eine 160 qm-Altbau-Wohnung aus der Kaiserzeit im Östlichen Ringgebiet der Löwenstadt. Die extra nur dafür angemietet war. Sagte ich schon, dass Geld keine Rolle spielte?

Wo waren wir? Luxusproblem. Denn der gute hatte vergessen, dass er in der Zeit, wo er an zwei „Kunden“ das Studio samt Modell und Betreuung vermietet hatte, mit der Familie in den Spanienurlaub fliegen wollte. Ist schon immer doof, wenn man bei den ganzen privaten High Society-Terminen keine Sekretärin hat, soweit ei sonst in der Firma.

Aber, was soll ich sagen, wir haben alle unseren Preis, und meinen bezahlte er ohne nur mit der Wimper zu zucken.

So sammelte ich den entsprechenden Schlüssel und das gebuchte Modell am nächsten Tag ein und wurde von zwei – zwanzig Euro ins Phrasenschwein der Klischeekasse – ergraute Tittenknipser mit Bergen an Fotoequipment vor der Studiotür. Sichtlich nervös erwartet. Erste Schweissausbrüche waren zu verzeichnen, als das Modell im offen wehenden Bademantel mit nichts drunter durch den Raum schwebte, um sich mit mir kurz abzusprechen.

Sie, eine junge Dame, mit allen Wassern gewaschen, machte sich im Eva-Kostüm einen Jux draus, die beiden minütlich nervöser werdenden Herren über allerlei alltägliches auszufragen.

Selten erlebt man so wenig Augenkontakt in Gesprächen wie bei so etwas . Ausser man säße einen etwas erzürnten Silberrücken-Gorilla direkt gegenüber.

Bei jeder Frage, die sich auf die geplanten Fotoideen bezog, schrieen deren Augen in meine Richtung Hilfe. Anstatt die Kommunikation zu suchen, verschanzten sich die beiden mittlerweile komplett durchgeschwitzten Herren hinter einem Arsenal an Kamerageraffel, gegen das die Regale beim Mediamarkt geplündert aussähen.

Die Frage, warum man denn bei einem Studioshooting zum Thema Akt ein 400´er-Tele mit Konverter dabei hätte, ergaben ganz interessante neue Einblicke in die Welt der Fotografie für mich. Man wolle das Modell nicht stören. Stören? Bei was? Auf meine Frage, ob wir einen Durchbrich ins nächste Haus machen sollen, damit er die 800mm voll ausspielen könnte, sorgte nur for noch mehr Verwirrung.

In der Zeit, wo sich dann die beiden Herren trockenlegte, kloppte ich in zwei Minuten mit dem Modell zusammen ein Set zurecht, in dem wir flux ein paar Lichttest schossen, die unser beider Wohlgefallen fand und den „Jungs“ die Gelegenheit geben sollte, ihren Tag mit angemessen durchdachten Bildern zu krönen.

So funzelten sie anfänglich non mit ihren Teleobjektiven rum und wollten nicht so recht zeigen, was auf ihren Chips gelandet war. Doch als dann endlich die normale Kommunikation einsetzte und sie mitbekommen, dass die junge Dame genau weiss, dass man ihren Körper fotografierte, kam soglangsam ein Fluss in die Sache und gewann an Normalität. Verkleiden konnten wir – also sie und ich – es uns dennoch nicht, mit wissenden Blicken zu kommunizieren, was gerade durch unsere Köpfe ging, nachdem sie Posen probierte, die nur auf der Sichtachse frei von gynäkologischem Anschauungsmaterial bleiben.

Alles in allem ein Tag, der – erzählt man darüber – so schräg war, dass einem jeder unterstellen mag, dass das Räuberpistolen sind. Ich kann Euch aber sagen: Es geht noch viel schräger! Aber davon vielleicht später mal mehr.

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